Erster deutsch brasilianischer Austausch über den wachsenden Einfluss Chinas in Brasilien

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Nach dem Zukunftsszenario „Plan schlägt Markt – Die Welt schaut nach China“ verlieren die westlichen Industrieländer ihre angestammte Führungsrolle an China mit weitreichenden Folgen auf das Geschäftsumfeld des Nahrungsmittelmaschinen- und Verpackungsmaschinenbaus. Wir wollten wissen, wie es mit dem Einfluss Chinas in Brasilien aussieht.

Deutsch-Brasilianischer Austausch

Das VDMA Competence Center Future Business hat zusammen mit dem Fachverband Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen und Mitgliedsunternehmen die erste branchenspezifische Szenario-Studie „Zukunftsbilder deutscher Nahrungsmittelmaschinenbau 2035“ erstellt und im Mai veröffentlicht. Heraus kamen vier mögliche Szenarien, die dazu anregen, strategische Überlegungen für die eigene Positionierung und Wettbewerbsfähigkeit in den unterschiedlichen Szenarien vorzunehmen.

„Plan schlägt Markt – Die Welt schaut nach China“ ist eines dieser vier Szenarien und befasst sich mit dem steigenden Einfluss Chinas in den Wirtschaftsregionen der Welt. Der Einfluss Chinas ist ein Thema, das auch in Brasilien intensiv diskutiert wird.

Deshalb hat der Fachverband Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen zusammen mit dem VDMA Büro Brasilien zu einem deutsch-brasilianischen Webmeeting eingeladen. Am 28. Oktober 2020 haben Geschäftsführer aus Mitgliedsunternehmen beider Länder sowie Vertreter aus den VDMA Repräsentanzen in China und Russland über den wachsenden Einfluss Chinas in Brasilien diskutiert.

Michael Teschner, Geschäftsführer von Multivac do Brasil und VDMA Präsident in Brasilien führte in das Thema ein und stellt heraus, dass sowohl die brasilianischen Importe aus China als auch die Exporte von Brasilien nach China in den letzten 20 Jahren gestiegen sind, wobei Brasilien eine positive Handelsbilanz verbuchen kann. Die Importe von Verpackungsmaschinen aus China seien zwar noch nicht so hoch, hätten aber eine steigende Tendenz. Dass es im Verpackungsmaschinenbau noch keinen chinesischen Wettbewerber in Brasilien gibt, liege u.a. an Importbeschränkungen und den schwierigen Marktzugangsbedingungen.

Keynote Speaker und Agrarexperte Prof. Marcos Jank vom Insper AGRO GLOBAL sprach über die Entwicklung der brasilianischen Landwirtschaft und die Rolle von China. Der Agrarsektor spiele in Brasilien eine wichtige Rolle. „Und hier gab es bereits in den 70er Jahren eine „unvermeidliche Hochzeit zwischen Brasilien und China“, so Prof. Jank. Brasilien habe traditionell eine starke landwirtschaftliche Produktion und China einen hohen und stetig wachsenden Bedarf an agrarischen Produkten, den es nicht allein decken kann.

Bis 2008 war Europa der größte Abnehmer brasilianischer Landwirtschaftsprodukte. 2012 wurde China größtes Einzel-Abnehmerland. Mit einem Lieferanteil von 34 Prozent ist die Volksrepublik inzwischen der wichtigste Absatzmarkt Brasiliens. Insbesondere die Corona-Pandemie und der Handelskrieg zwischen den USA und China, von dem Brasilien profitiert, hat die Exporte nach China weiter wachsen lassen. Ein weiterer Faktor für den Exportzuwachs sei die in China grassierende afrikanische Schweinepest gewesen. China habe seine Bevölkerung nicht mehr mit ausreichend Schweinefleisch versorgen können. So sei auch hier Brasilien in die Marktlücke eingetreten. Die wichtigsten Exportgüter sind: Sojabohnen, Rindfleisch, Geflügel, Schweinefleisch, Baumwolle und Zucker. Lange war USA Chinas wichtigster Lieferant. Jetzt hat Brasilien diese Rolle übernommen.

Wichtige Themen und Herausforderungen der brasilianisch-chinesischen Kooperation in der Landwirtschaft seien: Lebensmittelsicherheit, Infrastruktur und Logistik, Digitalisierung, Nachhaltigkeit sowie die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung.

Zu den Ausführungen von Prof. Jank passt das Zukunftsszenario „Plan schlägt Markt – Die Welt schaut nach China“, das Dr. Peter Golz und Beatrix Fraese vom Fachverband Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen vorstellen. „In der Welt 2035 verlieren die westlichen Industrieländer ihre angestammte Führungsrolle an China mit weitreichenden Folgen auf das Geschäftsumfeld der Branche“, so Dr. Golz. So wurde in diesem Szenario die Vision der neuen Seidenstraße - bis ins Herz Europas - umgesetzt. Viele Staaten entlang der neuen Seidenstraße, vor allem jene mit autokratischen politischen Strukturen - hatten großes Interesse am neuen Staatenverbund. Ein neues Machtgefüge ist entstanden. Die alten Industrienationen haben durch zu zögerliche Reformen und vor allem durch Unterschätzung des chinesischen Modells ihre Vormachtstellung verloren.

Im Szenario „Plan schlägt Markt – Die Welt schaut nach China“ manifestiert sich die Digitalisierung vor allem in einer ausgeprägten Bedeutung von Social Networks und Apps, ergänzt Beatrix Fraese. Der Staat hat alles unter Kontrolle. Social Scoring Systeme belohnen und sanktionieren das Verhalten und den Konsum. Konsequent weiter gedacht erfolgt in diesem Szenario mit Hilfe der Social Media Apps und Plattformen nicht nur die Kontrolle, sondern auch die gezielte Steuerung der Verbraucher. Dadurch wird eine ausgefeilte „production on demand“ ermöglicht. Eine wichtige Aufgabe in einem Staat mit 1,4 Mrd. Menschen und begrenzten Ressourcen.

Beatrix Fraese fasst zusammen, dass die chinesische Strategie-Politik seit jeher langfristig angelegt ist. Das Land soll bis 2049 zur Weltmacht Nr. 1 aufgestiegen sein. Einzelne Schritte werden schon getan, wie die Rohstoffsicherung in Afrika, der Joint Venture Zwang für ausländische Investoren in China und große Infrastrukturprojekte wie die Neue Seidenstraße verknüpft mit strategischen Kooperationen. Als Wettbewerber für den deutschen Nahrungsmittelmaschinenbau sieht die Studie China ebenfalls langfristig als Gewinner im Standardmaschinengeschäft. 

 

Nach den Beobachtungen der Teilnehmer, wird in Brasilien immer mehr in die Landwirtschaft investiert, die Industrie wird vernachlässigt. Die Agrarexporte sind lukrativ, und werden durch den schwachen Real begünstigt. Die Abwertung ist aber schlecht für den lokal ansässigen Maschinenbau.

Bezogen auf den chinesischen Wettbewerb im brasilianischen Markt ist der Verpackungsmaschinenbau noch nicht betroffen, sagt Michael Teschner. Generell haben laut Prof. Jank die Chinesen in den Industrien noch nicht stark investiert. Der bürokratische Aufwand hält chinesische Investoren derzeit noch davon ab. Der Augenmerk Chinas liegt in Brasilien vorrangig auf dem Agrar- und Rohstoffsektor. Das besorgt wiederum die brasilianische Industrie.

Aus Sicht von Maximiliano Weber, Puzmeister, unterscheiden sich die deutschen und brasilianischen Maschinenbauprodukte. Da gibt es kaum Wettbewerb. Er erwartet, dass der Wettbewerb durch chinesische Maschinenbauer stärker wird. So wurde 2020 eine chinesische Bank in Brasilien gegründet, um Maschinen zu finanzieren. Das verschafft den chinesischen Anbietern einen Vorteil, den deutsche Unternehmen ihren Kunden in Brasilien nicht bieten können.

Ein weiteres Thema, das im Meeting angesprochen wurde, war die Nachhaltigkeit in der Agrarproduktion. Hierzu sagte Prof. Jank, dass der Druck in Bezug auf nachhaltige Agrarproduktion bzw. Kritik an der Abholzung des Regenwaldes für agrarische Nutzflächen ausschließlich aus Europa kommt.

China braucht Agrarprodukte, Erze und Erdöl. Das Thema Nachhaltigkeit steht nicht auf der chinesischen Agenda. Daher komme von dort auch kein Druck, so Prof. Junk. Eine weiter steigender Anteil Chinas an den gesamten brasilianischen Exporten von Agrarprodukten und Rohstoffen ist damit sehr wahrscheinlich.  

Mit diesem deutsch brasilianische Austausch hat der Fachverband Nahrungsmittelmaschinen und Verpackungsmaschinen Aspekte seiner Zukunftsstudie auf einen fernen Absatzmarkt übertragen, und einen weiteren, anderen Blickwinkel ermöglicht.

 

Mitgliedsunternehmen finden hier die Szenario-Studie „Zukunftsbilder deutscher Nahrungsmittelmaschinenbau 2035“.

 

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